Der dritte Tag

Für die Nacht am Pakiri Beach mussten wir unser Zelt aufschlagen, da es nach Regen aussah. Rani und ich hatten beim Kauf des Zeltes richtig gut auf die Farbe geachtet: knallorange. Nach dem Aufstellen sah es aus wie eine untergehende Sonne im grünen Grasmeer. Der Tarnversuch schlug auch eher fehl – die dürren Ästchen, die wir in unserem Umkreis fanden, waren lediglich wie nichtige Seevögel, die die helle Halbkugel umkreisten und ihre filigranen Schatten auf den intensive Ton warfen. Der lange Strand aber war verlassen, abgesehen von ein paar Surfern, die sich wie Seerobben in der Ferne im Wasser tummelten. Wir waren diesmal außerdem auf privatem Grund – das Risiko des Ranger Auftretens war also eher gering.

Kein Handy Empfang. Die weiteste Entfernung zum Heimatland wie möglich.
Abgeschieden. Glücklich. Frei.

Die Nacht verging ohne Regen. Der Morgen war stürmisch und die Ehrgeizigen unter den Surfern schon wieder im kühlen Nass.
Nach langer Suche nach Trinkwasser fanden wie schließlich auch zwei Surferboys, die uns in ihrem ferrariroten Schlitten zu dem Ort bringen konnten, in dem Dave und Grace wohnten. Ihre Bretter ragten bis zu den Vordersitzen, ich musste mich auf Ranis Schoß quetschen und fühlte mich wie der Riese im Menschenhaus: ab den Schultern musste ich alles nach vorne schieben, um beim nächsten Schlagloch nicht versehentlich mit meinem Schädel die Decke einzurammen. Die Jungs erzählten uns von den Wellen auf Fiji, Samoa und Australien. Und von der Riesenwelle in Sri Lanka. Wie einer von ihnen sich aus dem Wasser rettete und später anderen das Leben. Ganz ohne Prahlerei. Ganz ohne Blasiertheit. Sie waren vor Ort und wollten helfen.
Und dann kamen wir eh schon nach Omaha. Zur Verabschiedung drückten uns die Surfer Schmatzer auf die Backen und brausten in ihrem roten Gestell davon. So hatte sich das Vorurteil gegen die Eitelkeit von Surfern auch in Luft aufgelöst.
Omaha war nicht groß. Trotzdem mussten Rani und ich zweimal fragen, bevor wir Daves Haus fanden (er hatte als Beschreibung nur „ein großes Boot im Vorgarten“ angegeben – aber dies war anscheinend ein Ferienort und wo kein Boot war, war kein Haus). Als wir schließlich den richtigen Nachen plus passendes Haus entdeckt haben, wurden wir mit freudigen, festen Umarmungen begrüßt und ins kühle Haus geführt. Es war mittlerweile Spätnachmittag und die Sonne brannte vom Himmel – da war die angebotene Limonade genau das Richtige. Ein Familienfreund saß mit Dave am weißen Plastikküchentisch und trank Bier. Er erzählte uns von lustigen Namensgebungen für Rennpferde: ´Anita P.` war einer davon. Denn wenn der Sprecher im Eifer des Gefechts zu schnell spricht, klingt es wie „I need to pee.“. Dann fragte er uns ob es in Deutschland McDonalds gebe. Er war mittlerweile auf Whiskey on ice umgestiegen…
Es wurde später und mit dem Abend kam die Dämmerung. Wir durften unser Zelt im Garten aufschlagen. Dave´s Frau kam mit der zweiten, jüngeren Tochter nach Hause und auch Grace´s Freund, ein großer, muskulöser Rugby Spieler, schaute vorbei. Während Minnie und Daisy, die zwei Hauskatzen, unser Sonnenzelt erkundeten, wurde auf der großen Holzterasse der Grill angeschmissen und wir wurden aufs Feinste verköstigt. So machten Rani und ich schon am dritten Tage mit der neuseeländischen Gastfreundschaft Bekanntschaft.