Alles Geschmackssache

Am nächsten Tag brachen wir wieder auf, fuhren an all den Opossumleichen vorbei und schlugen unseren Weg Richtung Süden ein: Campbell wollte uns die Kauri Bäume von Kaihu zeigen. Der hellblaue Triumph schlängelte an Flachs, Farnen und Wasserfällen vorbei, bis wir schließlich auf einem kleinen Parkplatz zum Stoppen kamen. Es waren wenig Touristen auf den Beinen, was sehr angenehm war. Schmale Holzstege führten uns über Sumpfgebiet. Es roch modrig und alt. Und auf einmal – wie wenn ein Riese aus dem Nichts gerade vor uns sein Bein abgesetzt hätte – stand er vor uns: der 2000 Jahre alte Baum. So breit, dass man 8 ausgewachsene Menschenarme bräuchte, um seinen Stamm zu umschließen. So hoch, dass man den Kopf bis in den Nacken zurückbiegen musste, um seine Krone zu bestaunen. So massiv, dass man sich mickrig vorkam. Nicht so ein Nichtigkeitsgefühl, das man empfindet, wenn man in die fernen Sterne blickt. Es war wirklicher, greifbarer.

Schließlich hatte man den direkten Vergleich vor sich. Dort, wo der Stamm sich in mächtige Zweige aufteilte, wuchsen Palmen, Flachsbüschel, Gebüsch… der Baum war Boden für Seinesgleichen. Ich musste an Rainer Maria Rilke denken. An seine Weltanschauung und wie er die Abschnitte des menschlichen Lebens mit den Wachstumsringen eines Baumes vergleicht. Mich packte das Kauri Fieber und ich verfiel in philosophische Gedanken…

Rani und Campbell rissen mich aus meinen Träumereien. Sie hatten Blätter einer bestimmten Flachsart vorsichtig aus dem sumpfigen Boden gezogen und kauten nun an dem zarten, weißen Ende herum. Es schmeckte, saftig, salzig und nach junger Kokosnussmilch. Falls wir uns im Busch verliefen und nicht verhungern wollen, meinte Campbell großzügig, als hätte er uns das Geheimnis des Überlebens selbst gezeigt.

Nach den Riesenbäumen tuckerten wir im 70ger Jahre Style wieder ein Stückchen nordwärts. Zu einem geheimen Spot, der sich bestens zum Kiwi-Beobachten eignete. Campbells Vater hatte die Wegbeschreibung detailgenau auf einen Zettel gekritzelt. Nun hielt unser Fahrer das Papier fest in seiner linken Hand, während er abwechselnd einen Blick angestrengt suchend aus dem Fenster und auf das Geschriebene warf. Es lief Eminem. Ich musste daran denken, ob es nicht komisch war, für englische Muttersprachler, den Text eines jeden Liedes genau zu verstehen. In Deutschland hört man ja doch größtenteils englische Musik und versteht dabei nicht alles. „Alles Gewohnheitssache“, nickte Campbell auf meine Frage im Takt der Musik. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit – er hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht. Wir zeigten ihm deutsche Musik. Ich hatte von daheim einen tragbaren, knallbunten Kinderkassettenrekorder mit einbebauten Mikrophon für den ganz persönlichen Karaokespaß mitgebracht. Zugegeben – ich bin ein Scherzartikelfreund und vielleicht hatte ich mich mit diesem sperrigem Ding in meinem Rucksack etwas übertrieben – aber er würde uns noch sehr nützlich sein… Campbell nickte auch hier zu den Schlägen der Musik und sang beim Refrain lauthals falsch mit. So wie es eben manche Deutschen bei englischen Liedern auch machen.

Endlich hatten wir den Geheimspot erreicht. Allerdings mussten wir auf die Dunkelheit warten, da Kiwis nachtaktive Geschöpfe sind. Wir vertrieben uns die Zeit mit Verstecken spielen und picknicken. Sobald die letzten Sonnenstrahlen auf die Erde trafen, öffnete Campbell den Kofferraum und holte ein schwere Autobatterie daraus hervor: sie solle uns als Akku für die Infrarot-Taschenlampe dienen. Sein Vater hatte sie ihm extra mitgegeben. Er verstaute den schwarzen Kasten in seinem kleinen gelben Rucksack, packte die Taschenlampe an ihrem großen Henkel und wir zogen los. Im Wald war es stockfinster und das rote Licht fiel spärlich auf den Boden. Wir hörten Rascheln – aber wir sahen nichts. Wir hörten Quieken – aber wir sahen nichts. Wir gingen vom Weg ab – aber wir sahen nichts. „In manchen Nächten bleiben sie versteckt“, klärte Campbell uns auf und stöhnte schon unter der Last auf seinem Rücken. Wir irrten noch eine Weile sinnlos herum und entschlossen uns dann, uns auf den Rückweg zu machen, um unser Lager neben dem Auto aufzuschlagen. Auf einem schmalen Holzsteg blieben wir einen Augenblick stehen, um zu pausieren. Ich legte meinen Kopf zurück, wie Stunden davor für den Kauri Baum.
Momente später lagen wir alle drei auf unseren Rücken, die Füße vom Steg baumelnd, in die schwarzen Baumwipfel schauend. Jegliches Zeitgefühl schwand.

Es war, wie auf dem Grund eines pechschwarzen Sees zu liegen. Die finsteren Bäume, die dicht in den Himmel hinaufragten, umgaben dich in dunkler Geborgenheit. Unter ihrem Rauschen flüsterte das Wasser und der Wind umfloss dich wie warme Strömungen. Die hellen Flecken des Nachthimmels und das Funkeln einzelner Sterne durch die schwarzen Baumkronen, drangen wie Sonnenstrahlen durch die Wasseroberfläche und waberten zum Grund.

Unser kiwianischer Freund war da anderer Meinung: er befand sich auf einer Dubstepparty. Die Wände sind schwarz gestrichen mit fluoreszierenden Farbflecken an der Decke.
Alles Geschmackssache, nicht wahr, Campbell?