Feiertag der griechischen Göttin Hekate

Hekate

Wir hatten Omaha mittlerweile verlassen und in Dave einen Aufpasser gefunden. „Daddy Dave“ erscheint nun, wenn ich in meinem Telefonbuch nach „D“ suche. Egal, was passieren würde – er wäre immer für uns da, versicherte unser Ersatzpapa mit seinem bubengleichen Schmunzeln. Und wir versprachen, nochmals – auf unserem Weg südwärts – vorbeizuschauen.

Die darauffolgenden zwei Tage verbrachten wir am Strand vor Ruakaka. Blickte man küstaufwärts, sah man in der Ferne die Ölraffinerie mit ihren tausend Türmlein wie ein Industrieschloss stehen. Richtete man seine Augen gen Süden, erkannte man steile Abhänge, die in der Entlegenheit milchig-blau dalagen. Dazwischen war Sand. Blendend und heiß, wenn sich tagsüber die Sonne darin spiegelte, braun und kühl wie ein Acker, sobald das Halbdunkel kam.

Rani und ich spielten ausgelassen gleichsam Kleinkinder, was man mit Ozeanbrechern so spielen kann: Wellenhüpfen, Wellentauchen, Wellensurfen, Wellenfangen, Wellenbrecher, versehentliches Wellenschlucken, Mann über Bord (=toter Mann bei hohem Seegang)… fast wurden wir selbst zu Wasserwogen und schwappten nachts erschöpft in unser Zelt, nachdem wir, mit angezogenen Knien auf der Spitze der höchsten Düne hockend, den grünen Inselgruppen zugesehen haben, wie sie langsam von der untergehenden Sonne gold angemalt wurden. Sie ruhten geheimnisvoll da wie Schatzinseln, die in ihrem Reichtum nur so erstrahlen. Sobald die Sonne abgetaucht war und die Sterne langsam zum Vorschein kamen, schlüpften auch wir in unsere Schlafsäcke.

Wir waren ein Teil des Tages geworden.

Am nächsten Tag brachen wir wieder auf. Es war der 15. November, der Feiertag der griechischen Göttin Hekate, der Herrscherin der drei Wege, der Herrin der Entscheidungen. Laut Mythologie soll man ihr Essen opfern, dann bringt sie Glück. Wir strichen durch stacheliges Dünengestrüpp, auf der Suche nach einer Wegeskreuzung, auf der man seine „Opfergaben“ hinlegen soll.

Bald trafen wir auf fünf kleine Trampelpfade – mehr von und für Tiere als Menschen -, die ineinander liefen. Wir legten unsere letzten Äpfel hin – mit der Hoffnung, dass Hekate sie zuerst finden möge und sie nicht von einer Wildsau aus dem naheliegenden Busch aufgespürt würden. Dann machten wir uns auf den Weg zum Highway, um den Aberglauben dieses Mythos auszutesten.