Endlich entspannen, faul in der Sonne liegen, die unzähligen Fernsehprogramme ungestört durchzappen. Endlich tun und lassen, was ich will – ohne von schreienden Kindern umzingelt zu sein oder Kommandos von Cheryl zu erhalten. Ein Wochenende ohne die Familie, alleine auf der Farm schien geradezu grandios. Und war nach 7 Wochen rund um die Uhr Kinderbetreuung und Hausmädchenspielen dringend nötig. Also beschloss ich dieses mal nicht mit zu dem Scherwettkampf zu gehen, sondern alleine zurück zu bleiben. Cheryl war nicht sonderlich überrascht über meine Bitte (schließlich hat sie diese hyperaktive Familie ja 363 Tage im Jahr um sich und ist sehr dankbar für die zwei Tage, an denen sie mit Digger alleine wegfährt, wie sie mir ohne mit der Wimper zu zucken gestanden hat). Begeistert war sie natürlich trotzdem nicht.

Ein Au pair an der Seite auf übervölkerten Festplätzen bedeutet weit weniger Zeit damit verbringen, nach dem autistischen Kind zu gucken und die anderen zwei bei Laune zu halten. Dementsprechend kam ich natürlich nicht ungeschoren davon. Mir war von vornherein klar, dass ich Katzen, Hunde und Hühner füttern werden müsse, aber Cheryl fügte auch noch die aufmüpfigen Schweine hinzu, die einem den Eimer mit dem Essen geradezu aus der Hand reißen und wenn das Futter nicht schnell genug im Trog landet, auch mal in die Waden oder Oberschenkel beißen. Vor allem vor dem Eber hatte Cheryl mich gewarnt. Denn wir sprechen hier nicht von kleinen süßen rosa Schweinchen, sondern von riesigen ausgewachsenen Säuen und Ebern (darunter ein Wildschein – obwohl das noch das kleinste und netteste unter den Biestern ist).

Zudem erhielt ich den Auftrag, diverse Kleidung zu waschen und die Bettlaken der Jungs zu reinigen und neu zu beziehen, sowie die einzige erfreuliche Aufgabe, die Kühe von der einen Weide zur anderen zu treiben. Das ist eigentlich eine ganz schön große Sache, zumindest wenn das nächste Weidestück entfernt ist und die Kühe nicht in der Stimmung für Bewegung sind. Aber Cheryl hat es mir netterweise einfach gemacht, indem sie direkt neben dem Weidestück, in dem sich die Kühe derzeit befinden künstliche, das heißt mit elektrischem Draht selbst aufstellbare Zäune aufgebaut hat, die ich einfach nur niederreißen muss.

Nun ja, auch wenn mir nicht alle Aufgaben so sehr zusagten wie das Kuhtreiben, war ich dennoch nicht besorgt, irgendetwas auf der Liste nicht meistern zu können. Die Schweine sind zwar bei der Futtervergabe recht Angst einflößend, lassen sich aber auch vorher aussperren, sodass die eigenen Waden heil bleiben, und die Hühner sind zwar immer schrecklich nervig, wenn sie aufgeregt durchs Gehege flattern und einen dabei fast ins Gesicht fliegen, bloß weil man ihren Nachwuchs stehlen will, aber auch das erschien mir durchaus machbar. Schließlich schafft das Josh, ein elfjähriges Kind, ja auch (auch wenn er fast größer ist als ich und man ihn ab und zu wie ein kleines Mädchen aus dem Hühnerstall kreischen hört, weil ihn ein Huhn offenbar „attackiert“ hat).

Nun gut. Als das voll bepackte Auto der Balmes endlich den Hof verließ, war ich nichtsdestoweniger erleichtert und glücklich. Nicht zuletzt war es auch ein atemberaubendes Gefühl, die Farm für sich zu haben und sie ganz alleine zu führen. Der verantwortungsvolle Part konnte aber bis morgen warten und so schaltete ich den Fernseher vergnügt an und legte die Beine hoch (nachdem ich natürlich pflichtbewusst zwei Körbe Wäsche zusammen gefaltet hatte; man kann eben nicht so einfach von 100 auf 0 Prozent Arbeit umschalten).

Ich zappte also gerade fröhlich durchs Programm und fand einen Film, der mich sehr interessierte (und auf den ich mich tatsächlich schon seit dem Entdecken der Programmzeitschrift und dem gleichzeitigen Schmieden meines „Auf der Farm bleib“-Plans gefreut hatte), als mein Blick kurz aus dem Fenster in den Garten schweifte – wo er entsetzt an einem Schwein hängen blieb, das gerade dabei war die hübschen Gartenblumen zu fressen. Ich schaute weg, schaute wieder hin. Nein, das war höchst unglücklicherweise keine Einbildung, sondern die bittere Realität. Der Eber Boris stand im Garten und war gerade dabei diesen ein wenig umzugraben. Ich rannte schreiend auf die Veranda, die zum Garten hinaus führt – stets darauf bedacht, genügend Abstand zwischen mir und dem Eber zu halten, der allerdings ohnehin nur müde und völlig unbeeindruckt von meinem Gekreische aufblickte und sich keinen Zentimeter rührte, schon gar nicht in Richtung Obstbaumplantage, in der er zur Zeit mit Amy untergebracht war – na ja, zumindest bis zu diesem Augenblick. „Das darf doch nicht wahr sein“, murmelte ich verärgert vor mich hin, kam jedoch nicht um ein leichtes, wenn auch mit Verzweiflung gespicktes Lächeln umhin. Die Balmes waren gerade erst eineinhalb Stunden weg und schon brach das Chaos aus.

Aufgeregt lief ich durch die Haustür hinaus und ums Haus herum, um zu sehen wie die „Bastards“, wie Cheryl sie gerne und häufig nennt, wenn sie sich mal wieder ungezogen verhalten (und Ungezogenheit war hier die reinste Untertreibung!), es geschafft hatten, den Obstgarten zu verlassen. Entsetzt stellte ich fest, dass das Metallgatter völlig aus den Angeln gehoben worden war und vor dem Garten auf dem Boden lag. Ich fragte mich, wie um alles in der Welt zwei dumme Schweine das zustande gebracht haben sollen und dachte schon an Sabotage, aber für lange komplizierte Überlegungen war es nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt. Da Amy, Boris kleine Saddleback-Freundin, nirgends zu sehen war, und weil ich tierische Angst vor dem Eber hatte, der gerade den Garten durch das Schlupfloch, durch das er geklettert war, wieder verließ, stieg ich ins Auto und fuhr den Schotterweg zur Straße entlang, um sicherzugehen, dass Amy sich nicht bereits auf dem Weg in die Stadt befand. Glücklicherweise war sie nirgendwo zu sehen und als ich beim Nachbar drehte, überlegte ich kurz, um Hilfe zu bitten, entschied mich dann aber doch, es erst einmal alleine zu versuchen.

Ich sperrte alle möglichen Gatter und Tore ab, um das Terrain der Schweine möglichst klein zu halten. Das Problem war nun, sie wieder zurück in den Obstgarten zu bringen. Dazu musste erstmal das Gatter wieder in die Angeln gehoben werden – ein Unternehmen, das unglücklicherweise scheiterte. Mir gelang es einfach nicht, gleichzeitig das obere und untere Scharnier einzuhaken, da das Gatter nicht nur schwer sondern auch sehr groß war und der Vorgang entweder viel Kraft und Feingefühl oder einen zweiten Helfer bedurfte, und mir es an beidem bei der Aufregung leider mangelte. Ich hakte das Gatter also nur in eines der Scharniere ein und dachte mir schon, dass das ein riskantes Unternehmen sein könnte. Wenn die zwei Biester es geschafft hatten, zwei Scharniere aus ihren Angeln zu heben, was sollte dann ein einziges ausrichten?

Boris und Amy machten aber ohnehin jegliche Hoffnung, sie wieder in den Obstgarten zu bekommen, zunichte. Sie hatten sich mittlerweile um das große Schweinegehege versammelt, in dem die anderen drei Säue und ihre Ferkel bereits aufgeregt umher rannten und das Spektakel begutachteten. Ich seufzte und beschloss erstmal im sicheren Auto zu bleiben. Alle Versuche, die beiden durch Hupen oder Rufen in die richtige Richtung zu führen, waren allerdings vergebens. Ich bin es mittlerweile so sehr von Schafen und Kühen gewöhnt, dass sie auf diese Zeichen reagieren oder zumindest aufgeschreckt wegrennen, dass mich die Gelassenheit und Unberührtheit, die Boris und Amy meinem Kreisch-Hup-Konzert entgegenbrachten, regelrecht wütend machte. Plötzlich tauchte auch noch Brock, der Schäferhund, im Hof auf, dem es ausdrücklich untersagt war, die Garage zu verlassen und erneute fragte ich mich verzweifelt, wie das nur möglich war (wie ich kurze Zeit später feststellen konnte, hatte er, wohl angeregt durch das aufgeregte Gekreische der Schweine und mir, die Holzabsperrung, die Cheryl aufgebaut hatte, einfach durchbrochen und war durch den Garten in den Hof gekommen). Das Chaos war nun perfekt, aber viel schlimmer machte der Hund die Sache auch nicht mehr.

Ich atmete tief durch und entsann mich plötzlich zweier Dinge. Cheryl und Digger klopfen immer auf Eimer, um die Schweine zum Essen anzulocken, und sie haben immer einen Spieß dabei, um sich die aufdringlichen Viecher vom Leib zu halten. Also holte ich gleich drei jener Spieße aus der Scheune, sowie den Abfalleimer aus der Küche und, im sicheren Schutz des Autos, klopfte an den Eimer und schleuderte ein paar Essensreste aus dem Fenster. Vergebens. Die Schweine folgten dem Auto nicht. Also blieb mir nichts anderes übrig als auszusteigen und der Gefahr ins Auge zu sehen. Tatsächlich kam diese schneller als erwartet. Angelockt durch den Geruch des Essens und mein Klopfen, kamen Boris und Amy plötzlich angerannt und bevor ich mich versah, befand ich mich eingekeilt zwischen Zaun und zwei wütend grunzenden Schweinen, die vor meinen Pieksen mit den Spießen nicht zurückschreckten, sondern im Gegenteil, dadurch regelrecht angestachelt und lediglich wütender wurden. Schwarze kleine Schweinaugen funkelten mich gierig an und in meiner Panik schleuderte ich den Futtereimer in meiner Hand weit hinter sie, um sie von mir abzulenken, aber auch das schien sie nicht zu interessieren. Sie schienen meine Angst zu riechen, kamen böse grunzend näher. Eines war klar: sie wollten mich. Bei lebendigem Leib. Glücklicherweise stand ich vor einem Holzzaun ohne Maschendraht, über den ich mit einem Mal springen konnte. Und rettete so mein Leben.

Nun stand ich da. Im Gehege, das sich sowohl an das Areal der Muttertiere als auch auf den Hof anschloss. Dies schien mir kein schlechter Platz, da ich so problemlos das Gatter zwischen Hof und Sauareal öffnen konnte, um Boris und Amy wieder zu ihren Freunden zu lassen, ohne dabei auch nur einem der Schweine zu nahe kommen zu müssen. Auch wenn das von Cheryl und Digger so nicht gewollt war, da der Eber und die kinderlose Sau den Mütterschweinen nicht ihr Essen wegfressen sollen; den Plan, sie zurück in die Plantage zu führen, hatte ich längst aufgegeben. Dummerweise standen die Säue und Ferkel nun am Tor, angelockt durch mein Klopfen und im festen Glauben, das jetzt Essenszeit ist. Ich öffnete das Gatter daher nur einen Spalt breit, aber das reichte schon und Boris stürmte ins Sauareal hinein – der geile Bock wollte so schnell wie möglich in seinen Harem zurück. Amy war schwieriger davon zu überzeugen, wieder ins Areal mit den anderen Säuen zu gehen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, bei denen sie immer kurz vorm Durchlaufen durchs Gatter wieder umdrehte und sich augenscheinlich doch für ihre neu gewonnene Freiheit entschied, stieg ich wieder ins Auto, fuhr die zwanzig Meter zum Haus – lächerlich, ich weiß, aber die beinah fatale Begegnung mit den bösen Biestern hatte mich mehr denn je das Fürchten gelehrt – holte den Rest des Abfalls, und schaffte es so schließlich, nach ganzen 45 Minuten panikerfüllter Arbeit, Amy endlich hinter Schloss und Riegel ins große Sauareal zu bekommen. Erleichtert und ein wenig stolz es letztlich doch alleine geschafft zu haben kletterte ich hinter meinem sicheren Zaun hervor und ging zum Haus zurück.

Ganz bestimmt werde ich die Arbeit auf dem Bauernhof nicht mehr unterschätzen (wer kam nur auf die Idee, Farmleben als „simple life“ zu bezeichnen?!) und meine anfängliche Begeisterung, die Farm allein für mich zu haben und zu managen, ist stark gesunken. Nichtsdestoweniger bin ich ehrlich schon gespannt, was für Abenteuer morgen auf mich warten.

Farmarbeit in Neuseeland

Als Zwischenbemerkung muss daher festgehalten werden: wer auf einer Farm arbeiten will, ob als Au pair oder als Woofer oder ähnliches, sollte sich das ganze keinesfalls zu romantisch vorstellen. Gut, die Landschaft ist traumhaft, die Luft frisch und es gibt jeden Tag frisch gemolkene Milch und Eier und Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten. Aber das alles beinhaltet auch harte Arbeit, denn die Kuh melkt sich nicht allein und auch Obst und Gemüse müssen angepflanzt, bewässert und geerntet werden. Und dann sind da auch noch die Schafe und Kühe, die jeden Tag von einem Farmstück zum anderen getrieben werden wollen, um frisches Gras zu fressen und vor allem das beinhaltet, Ärmel hochkrempeln, Gummistiefel an und ab in den Dreck.

Generell ist man auf einer mittelgroßen Farm wie ich sie kennen gelernt habe, den ganzen Tag über gut beschäftig, vor allem im Sommer, wenn die Schersaison beginnt. Und wenn man nicht gerade draußen rumhantiert und Schafe zum Scheren einfängt, gibt es im Haus viel zu tun, wie Unmengen an dreckiger Wäsche waschen, als Au pair die Kinder bespielen, saugen spülen oder Ordnung machen, die die Kinder und Haustiere gerne innerhalb von Minuten wieder zerstören. Aber das gehört nun mal irgendwie dazu zu einer völlig neuen Erfahrung.

Jedenfalls hat man immer etwas zu tun, sodass ich letzten Endes hier auf der Farm im Nirgendwo mit keiner Ausgehmöglichkeit und keiner Chance, mit meiner Familie aufgrund der schlechte Internetverbindung videozutelefoniern, weniger Heimweh verspürte als noch in meinem ersten Reiseziel Auckland.

Zudem geht man auf der Farm nach langer getaner Arbeit immer früh ins Bett, da man morgens ja auch früh raus muss, und allzu viel Zeit melancholischen Gedanken nachzugehen bleibt da auch nicht. Und schließlich ist die Erfahrung, Au pair auf einem abgelegenen Bauernhof inmitten von grünen und braunen terrassenförmigen Hügeln, Palmen und einer Menge Schafe und Kühe zu sein, für die meisten einmalig und sollte voll ausgekostet und genossen werden, denn der Großstadtdschungel zu Hause kommt schneller wieder, als man denkt. Und dann erinnert man sich gerne an die Zeit auf einem entlegenen Bauernhof in Neuseeland zurück, auf dem man jeden Morgen frische Milch trank und Eier zum Frühstück aß, sein Brot selber buk und abends im nahen Busch selbst erlegtes Wild aß, während man den Sonnenuntergang auf grünen Hügeln beobachtete und den Schafen beim Blöken zuhörte. Ein Farmaufenthalt in Neuseeland ist eben etwas ganz Besonderes. ... weiter